Jedes Jahr sterben 7 Menschen an Spinnenbissen und 8 Millionen an den Folgen des Rauchens. Dennoch haben mehr Menschen Angst vor Spinnen als vor dem Rauchen. Wie kann das sein? In Kürze: Angst ist niemals rational.

Als Neuropsychologin beschäftige ich mich mit der Frage, wie unser Gehirn funktioniert und warum Menschen sich so verhalten, wie sie es tun. Lassen Sie uns die Neuropsychologie der Angst gemeinsam beleuchten.

1. Angst ist ansteckend

Angst ist gelernt. Wir übernehmen sie von anderen Menschen in unserem Umfeld, die in Angst sind. Dieser Schutzmechanismus sicherte unseren Vorfahren das Überleben. Seit Monaten sehen wir in den Medien Bilder von Menschen in Schutzanzügen und von Leichen, die in Kühlhäusern gestapelt werden. Die Angst ist überall.

2. Biologische Vorbereitung

Ein klassisches Experiment zeigt: Wenn man einem kleinen Affen ein Video vorspielt, in dem ein anderer Affe Angst vor einer Schlange zeigt, dann bekommt der kleine Affe in Folge auch Angst vor Schlangen. Er erlernt die Angst. Das ist nicht verwunderlich. Aber hier wird es interessant: Wenn man dem kleinen Affen hingegen ein Video zeigt, in dem ein anderer Affe Angst vor einer Blume hat, dann übernimmt er diese Angst nicht. Warum? Es gibt Urängste, die in unserem Gehirn bereits angelegt sind und die durch soziales Lernen aktiviert werden. Die Angst vor einem ansteckenden Virus gehört dazu.

3. Angst vor Schock Risiken

Wir sind evolutionär darauf programmiert, Angst vor Ereignissen zu haben, bei denen viele Menschen auf einmal sterben könnten, wie zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz (287 Tote pro Jahr weltweit in 2019). Wir haben weniger Angst vor Gefahren, bei denen ebenso viele Menschen oder mehr sterben, wenn dies über einen längeren Zeitraum geschieht wie zum Beispiel im Straßenverkehr (1,35 Millionen Tote pro Jahr weltweit). Deswegen macht uns ein neues Virus mehr Angst als eine stetige Gefahr wie zum Beispiel  Krebs (10 Millionen).

4. Hyperbolic Discounting

Das menschliche Gehirn neigt dazu, sich auf kurzfristige und unmittelbare Gefahren zu konzentrieren (wie zB ein eine möglicherweise giftige Spinne oder ein neues Virus) und langfristige und komplexe Gefahren auszublenden (wie zB die Folgen des Rauchens).

5. Novelty-Bias

Das Virus ist neu. Jedes Jahr sterben laut WHO 2,3 Millionen Menschen durch ärztliche Kunstfehler. Und doch haben die Menschen erst Angst ins Krankenhaus zu gehen, seitdem es SARS-CoV-2 gibt.

Nun könnte man sagen: Die Natur hat das klug eingerichtet. Diese Mechanismen schützen unser Überleben und sind sinnvoll. Dem möchte ich entgegnen: Unser Gehirn hat sich seit der Steinzeit nicht großartig verändert, unsere Welt aber schon.

Menschen in Angst entwickeln einen Tunnelblick. Das Frontalhirn, das für das logische Denken zuständig ist, schaltet sich aus. Wir gehen stattdessen in einen Bedrohungsmodus und Emotionen steuern unser Handeln. Warum ist das ein Problem?

Menschen, die in Angst sind, bringen sich dadurch selbst in Gefahr. Professor Gerd Gigerenzer vom Harding-Zenter für Risikokompetenz hat ein prominentes Beispiel  für dieses Phänomen berechnet: Im Jahr nach 9/11 gab es in den USA 1600 zusätzliche Verkehrstote. Warum? Viele Menschen hatten verstärkt Angst vorm Fliegen und stiegen vom Flugzeug auf das Auto um, auch für längere Strecken. Dabei unterschätzten sie das Grundrisiko des Autofahrens im Vergleich zum Fliegen. Wie lange müssen Sie Auto fahren, um das Todesrisiko eines Flugs von New York nach Washington zu erreichen? 19 Kilometer. Das entspricht ungefähr dem Weg zum Flughafen.  

Und auch wir bringen uns momentan durch unsere Angst vor dem Virus massiv in Gefahr. Was können wir tun, um Risiken besser einzuschätzen? Es hilft, wenn wir die Zahlen nicht in Isolation betrachten, sondern ins Verhältnis setzen.

Weltweit sind aktuell ca 446.000 Menschen im Zusammenhang mit SARS-CoV 2 gestorben. Ob das viel oder wenig ist, versteht man nur, indem man diese Zahl mit anderen Risiken vergleicht.

18 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Viele dieser Leben könnte man retten. Wie? Zum Beispiel indem man Bewegung und gesundes Essen stärker fördert, insbesondere an den Schulen. Denn unsere Gewohnheiten bilden sich schon in der Kindheit.

10 Millionen Menschen sterben jedes Jahr an Krebs. In der letzten Wirtschaftskrise nahmen diese Zahlen signifikant zu. Warum? Prävention und Therapie kosten Geld.

Eine halbe Milliarde Menschen könnte durch die Wirtschaftskrise in Armut abrutschen.  Hundertausende Kinder werden noch dieses Jahr an Hunger sterben. 

Sind Sie schon einmal auf einen Stuhl geklettert, um eine Spinne einzufangen? Ich bekenne mich schuldig! Jedes Jahr sterben übrigens 646.000 Menschen durch Stürze. Viele davon in ihrem eigenen Zuhause. 

Quellen: 
https://www.washingtonpost.com

https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/tobacco

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/2230660

https://www.amazon.com/Risk-Savvy-Make-Good-Decisions/dp/0143127101

 https://ourworldindata.org/coronavirus

https://www.who.int/health-topics/cardiovascular-diseases/#tab=tab_1

https://www.who.int/health-topics/cancer#tab=tab_1

https://www.hsph.harvard.edu/news/press-releases/economic-downturn-excess-cancer-deaths-atun/

https://www.statista.com/chart/21382/poverty-levels-due-to-a-coronavirus-recession/

https://www.forbes.com/sites/carlieporterfield/2020/04/16/un-coronavirus-depression-could-kill-hundreds-of-thousands-of-children-this-year/

https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/falls